Ausländer in Deutschland
1/2002, 18.Jg., 31. März 2002
Schwerpunkt:
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Ausgabe zum Schwerpunkt "Migration und Gesundheit": |
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Migration und GesundheitDas öffentliche Gesundheitswesen muss sich interkulturell öffnen
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Nationale Herkunft sollte bei Art und Qualität medizinischer Beratung und Versorgung keine Rolle spielen. Leider trifft dies für Migrantinnen und Migranten, die Ende 2001 mit 7,32 Millionen knapp 9% der Bevölkerung stellen, immer noch nicht zu. Was sind die Gründe dafür? Migrantinnen und Migranten nutzen mangels genügender Informationen das (vor allem das öffentliche) Gesundheitswesen einerseits zu wenig von sich aus, während das Personal des medizinischen Bereichs andererseits in der Regel eine große Distanz zu Migrantinnen und Migranten hat. Es fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen mit Migrationshintergrund als Patienten wahrgenommen werden. Dies ist die Folge einer verfehlten Informations- und Gesundheitspolitik: Die Bundesrepublik Deutschland hat sich - obwohl die ersten Arbeitsmigranten bereits 1955/56 nach Deutschland kamen- bis vor kurzem nicht als Einwanderungsland verstanden und es deshalb auch nicht für nötig gehalten, ihre Regeleinrichtungen, darunter auch die im Gesundheitswesen, für diese Klientel zu öffnen. Trotz inzwischen zahlreicher und verdienstvoller Initiativen und Modellversuche ist eine interkulturelle Öffnung auch heute eher die Ausnahme als die Regel. Aufgrund dieser Tatsachen gibt es immer noch und durch Neueinwanderung auch immer wieder große Probleme und Missverständnisse auf Seiten des Personals im Gesundheitsbereich wie der Migrantinnen und Migranten. Auf Seiten des Gesundheitswesens sind dies: mangelnde Informationen über das Migrationsgeschehen und die Wanderungsentwicklung; monokulturelle Ausrichtung und wenig Sprachenvielfalt; der Blick auf den Bedarf ist versperrt; wenig bis kein Kontakt zur Zielgruppe; ausgeprägte "Komm-Struktur" und wenig Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten. Auf Seiten der Migranten gibt es Zugangsbarrieren wie: Hemmungen vor deutschen Institutionen aufgrund von Erfahrungen, Vorstellungen und negativen Bildern; Sprach- und Verständigungsprobleme; wenig Informationen über bestehende Angebote und Unkenntnis über die Palette von Angeboten, Diensten und Einrichtungen und Angst vor ausländerrechtlichen Konsequenzen bei Inanspruchnahme von Leistungen (nicht nur bei Asylbewerbern und Menschen ohne Papiere). Die Konsequenz für die Politik auf allen Ebenen sollte sein, endlich den Anspruch auf interkulturelle Öffnung der Regeldienste in die Praxis umzusetzen. Dies bedeutet neben der Erweiterung des Angebots den Aufbau von interkulturellen Teams, die Einstellung von Menschen mit bikulturellen und bilingualen Fähigkeiten, die Ausbildung von muttersprachlichem Fachpersonal auf allen Ebenen des Systems, einen erleichterten Zugang für ausländische Mediziner, wenn notwendig, den Einsatz von qualifizierten Sprachmittlern und die Aufnahme interkultureller Inhalte in die Aus- und Weiterbildung des Fachpersonals. Es kann auch darüber nachgedacht werden, die Vergabe öffentlicher Mittel an die Vorgabe qualitätskontrollierter interkultureller Öffnung zu binden. Ein erhöhter Bedarf an Beratung und Versorgung besteht insbesondere bei der ersten Generation der Arbeitsmigranten, die vor ihrer Ankunft in Deutschland genau untersucht worden waren und lange Zeit zu den gesündesten Menschen gehörten (so genannter healthy migrant effect), die aber jetzt aufgrund von schweren und ungesunden Arbeitsbedingungen bereits ab Mitte Fünfzig altersbedingte (geriatrische) Krankheitsbilder und mehrere Krankheiten gleichzeitig (Multimorbidität) aufweisen, die bei Deutschen erst sehr viel später auftreten. Hier sind auch die Einrichtungen der Altenhilfe gefordert, mit dieser neuen Klientel kultursensibel umzugehen. Bedarf besteht auch bei der Versorgung von psychisch beeinträchtigten Migranten und Migrantinnen: zwar ist vermutlich die Erkrankungsrate nicht unbedingt höher als bei Deutschen, denn Fremdheitserleben kann sowohl krank machen als auch psychische Ressourcen mobilisieren, aber die Versorgung inklusive Therapie ist häufig erschwert durch mangelnde - nicht nur sprachliche - Verständigung. Hier sind Kultursensibilität und Kenntnisse der Behandelnden über Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen besonders wichtig. Als letzter Punkt sei hier die mögliche Gefährdung von Jugendlichen durch die Entwicklung süchtigen Verhaltens erwähnt. Nach soeben veröffentlichten Untersuchungen sind Jugendliche mit Migrationshintergrund insgesamt gesehen nicht stärker gefährdet als deutsche Jugendliche, aber eine notwendige Beratung und Behandlung erfolgt bei ihnen häufig sehr viel später als bei ihren deutschen Altersgenossen. Auch sind in Deutschland derzeit nur etwa 30 Einrichtungen auf die Behandlung junger Migranten vorbereitet. Einige Schritte zur Gleichberechtigung aller Patientinnen und Patienten in Deutschland wurden unternommen, weitere müssen folgen. |
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Autorin: Dr. Dorothea Grieger, Referentin im Büro der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung, Leiterin AK Migration und öffentliche Gesundheit |
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